Perfektionismus ablegen

Perfektionismus ablegen? Wo 80 % reichen – und wo nicht

„Da muss das Rohr halt mitten durch den Boden.“ Bei diesem Satz eines Handwerkers habe ich zum sofort gewusst, dass es Entscheidungen gibt, bei denen 80 % nicht reichen. Bei den Bildern für meinen Blog habe ich dagegen lange so getan, als ginge es um ein Fallrohr.

Hier steht, warum mehr Feilen dich nicht schneller ans Ziel bringt, warum Sorgfalt mit Menschen etwas anderes ist als Perfektionismus bei der Website – und welche eine Frage dir hilft, beides auseinanderzuhalten.


Kurze Antwort vorab: Perfektionismus ablegen musst du nicht – du musst ihn sortieren. In der Arbeit mit deinen Klientinnen sind 100 % richtig. Bei Website, Texten und Marketing bringen dich 80 % jetzt weiter als 100 % irgendwann – weil du erst durch das Tun siehst, wo die restlichen 20 % wirklich zählen.

Christiane Mohr
Wer schreibt hier?Christiane Mohr

Diplom-Kauffrau mit Schwerpunkt Marketing – und bekennender Nerd. Ich liebe Daten, misstraue Buzzwords und überprüfe Aussagen lieber zweimal, bevor ich sie weitergebe. Hier schreibt jemand, der Coaches & Heilpraktikerinnen dabei begleitet, ihr Business so aufzustellen, dass die richtigen Klientinnen sie finden – ohne Schönreden.


Hallo? Wer ist hier eigentlich der Experte?

„Da muss das Rohr halt mitten durch den Boden. Alternativ sägen wir den Balken hier raus.“

Ich stand im kleinen Bad im ersten Stock, schaute auf die Stelle, auf die der Handwerker zeigte – ziemlich genau die Mitte des Raums – und dachte nur: Hallo? Wer ist hier eigentlich der Experte?

Spulen wir kurz zurück. München, 2006. Ich sanierte ein Haus aus den Dreißigerjahren, und wer schon einmal einen Altbau saniert hat, weiß, dass dort die unvorhergesehensten Dinge passieren. In diesem Fall kam ein Fallrohr von oben, und genau darunter lag ein Querbalken, mit dem niemand gerechnet hatte. Die Lösung der Handwerker war so schlicht wie unpraktisch, und unser Architekt war in dieser Phase – sagen wir – keine große Hilfe.

Also habe ich mir selbst eine Rohrführung überlegt und vorgeschlagen. Sie hat funktioniert, mit einer Verblendung und einer kleinen Abkofferung an der Decke, die man nur sieht, wenn man weiß, wo man hinschauen muss. Ein Rohr mitten im Bad – ich glaube, das muss ich noch nicht mal kommentieren…

Beim zweiten Fallrohr war ich dann schon gestählt.

Diesmal ging es um das Bad im zweiten Stock. Nach zehn Jahren, in denen ich in eine Badewanne klettern musste, wollte ich eine bodenebene Dusche oder wenigstens eine flache Wanne ohne hohen Einstieg. Dazu kam die letzte Treppenstufe hinauf in den Dachausbau, den jemand vor mir eher kreativ als professionell erledigt hatte: Sie war nur eine halbe Stufe hoch.

Es gab zwei Möglichkeiten. Entweder der Boden bleibt, wie er ist. Dann kommt die Dusche auf ein Podest, ein neues Fallrohr läuft im schlimmsten Fall durch das Kinderzimmer darunter und durch meine Küche, den Flur hätte ich nicht verbreitern können, um dort einen Schrank zu stellen – und mit der halben Stufe lebe ich weiter. Oder wir heben den Boden an. Dann sitzt die Dusche ohne Podest, das Wasser läuft in das bestehende Fallrohr (genau, das mit der Abkofferung), und aus der halben Stufe wird eine ganze.

Ausgetüftelt habe ich das direkt mit den Handwerkern. Was es extra gekostet hat, weiß ich heute nicht mehr genau – den Boden hätten wir ohnehin erneuern müssen, ich schätze ein paar Tausend Euro. Bei einem Umbau, der sowieso schon teuer war, tut so etwas trotzdem weh. Diese eine Entscheidung reichte allerdings weit über das Bad hinaus, und sie war nicht verhandelbar, weil sie sich später kaum noch hätte revidieren lassen.

Warum ich diese Geschichte in einem Artikel über Perfektionismus erzähle? Weil ich beim Boden zu Recht kompromisslos war – und bei den Bildern für meinen Blog lange genauso, nur ohne guten Grund.

Vielleicht kennst du das auch – das Angebot, das seit Wochen fast fertig ist, der Über-mich-Text in seiner x-ten Fassung, der Newsletter, der noch einmal liegen bleibt, weil er sich noch nicht rund anfühlt – und gleichzeitig der feste Vorsatz, mit deinen Klientinnen auf keinen Fall schlampig zu arbeiten. Ganz ablegen willst du deinen Perfektionismus also gar nicht. Sonst wärst du nicht die, zu der Klientinnen gern kommen.


Warum mehr Feilen dich nicht schneller ans Ziel bringt

Wer Perfektionismus ablegen will, hat meistens eine sehr konkrete Sorge: vor lauter Feilen nie anzukommen. Die Sorge ist berechtigt, denn Entwicklung verläuft nicht als gerade Linie, auf der jede zusätzliche Stunde ein Stück weiterbringt. Sie verläuft in Sprüngen – Dinge müssen ruhen, sich setzen, verankern, und dann geht es plötzlich weiter, manchmal erst, nachdem es vorher schlechter geworden ist.

Genau das habe ich vor Kurzem selbst erlebt. Ich hatte gelesen, man könne KI als hilfreiche persönliche Assistentin einsetzen, die einem die Aufgaben vorbereitet und an die wichtigen Dinge erinnert, die sonst vielleicht im übervollen Kalender oder der viel zu langen To Do-Liste untergehen. Das klang so vernünftig, dass ich es mit Claude ausprobiert habe. Heraus kam ein Register, in das mir mein Claude fleißig Aufgaben eintrug, während ich – die eigentlich entlastet werden sollte – hinterherhechelte. Natürlich habe ich optimiert, und dann noch einmal, und jede Verbesserung brachte mehr Chaos, mehr Oberhead und mehr Druck statt weniger. Wäre Entwicklung linear, hätte die fünfte Optimierung besser sein müssen als die vierte. War sie nicht.

Gelöst hat es kein weiterer Feinschliff, sondern ein Neuanfang: Ich habe Claude für eine fundierte Analyse mit klaren Spielregeln und Hinweis auf meine eigenen Schmerzpunkte angesetzt, und danach haben wir die Zusammenarbeit von Grund auf neu aufgesetzt, mit mehr Kontrolle bei mir, Nutzung der Apps und Tools, die eh schon da sind und vor allem wenigen, sehr klaren Regeln. Seitdem trägt es. Der Sprung kam nicht durch mehr vom Selben, sondern durch einen anderen Rahmen.

Ein gutes Werkzeug gegen diese Schleifen ist das Pareto-Prinzip, die berühmte 80/20-Regel: Mit etwa 20 % des Aufwands erreichst du rund 80 % des Ergebnisses. Für Umsatz, Kundinnen und Marketing ist das eine brauchbare grobe Leitlinie, kein Naturgesetz.

Weil ich gern mal noch eine Ebene tiefer gehe mit der Prüfung von Aussagen (meiner eigenen genauso wie der von anderen), habe ich nachgeschaut, woher die Regel eigentlich kommt – und musste schmunzeln. Vilfredo Pareto hat 1906 die Bodenverteilung in Italien untersucht und festgestellt, dass ungefähr 20 % der Menschen ungefähr 80 % des Bodens besaßen. Eine allgemeine Regel hat er daraus nie gemacht. Das hat erst der Qualitätsforscher Joseph Juran erledigt, der dem Prinzip in den späten 1940ern Paretos Namen gab und 1974 in einem Aufsatz mit dem schönen Untertitel „Mea Culpa„ selbst einräumte, dass Pareto es nie verallgemeinert hatte. Die Annahme sei, so Juran wörtlich, „erroneous“.

Die bekannteste Faustregel für „gut genug“ ist also selbst nur ungefähr richtig – und trotzdem ausgesprochen nützlich. Eine schönere Pointe hätte ich mir für diesen Artikel nicht ausdenken können.

Was mir bei all dem wirklich nachgeht: Wer 100 % hineinsteckt und nichts zurückbekommt, zweifelt selten am Vorgehen, sondern fast immer an sich selbst. Dabei liegt der Fehler fast nie in der Person, sondern in der Annahme, dass mehr Aufwand automatisch mehr bringt.


Sorgfalt ist nicht dasselbe wie Perfektionismus

Deine Arbeit mit deinen Klientinnen verdient 100 %, und daran will ich nicht rütteln. Zuhören, Vorbereitung, die Qualität jeder einzelnen Sitzung – das ist Sorgfalt und Verantwortung. Für die therapeutische Arbeit selbst gilt das 80/20-Denken nicht, und wie viel dort nötig ist, kann und will ich nicht bewerten. Mir geht es um alles drumherum.

Auch die Psychologie trennt hier sauber: Joachim Stoeber und Kathleen Otto unterscheiden in ihrer Übersichtsarbeit von 2006 hohe Ansprüche an sich selbst von der Sorge vor Fehlern und vor Bewertung. Ihr Befund: Was am Perfektionismus belastet, hängt vor allem an der Sorge. Hohe Ansprüche allein sind normal und können sogar positiv sein, solange die Sorge gering bleibt.

Schwierig wird es, wenn der Maßstab aus dem Behandlungsraum unbemerkt auf alles andere wandert – auf die Website, den Flyer, den Newsletter, die Angebotsseite. Dass Perfektionismus im Business dabei oft Angst in sehr seriöser Verkleidung ist, gehört zu den drei Mythen beim Aufbau eines Coaching-Business.

Und Perfektionismus sieht nicht immer nach Feilen aus. Manchmal sieht er aus wie ein leeres Blatt.

Eine Heilpraktikerin mit Schwerpunkt Frauengesundheit, mit der ich gearbeitet habe, hat ihre Angebotsbeschreibungen lange nicht geschrieben – nicht, weil sie zu lange daran gefeilt hätte, sondern weil sie gar nicht erst angefangen hat. Sie war unsicher, was sie schreiben sollte, denn was immer sie geschrieben hätte, wäre ja nicht perfekt gewesen.

Also habe ich geschubst. Aus dem, was wir vorher besprochen hatten, habe ich Vorschläge gemacht, in ganzen Sätzen, die wir aufgenommen haben und an denen sie sich orientieren konnte – nach dem Motto „so könntest du es formulieren„, nicht „so musst du es formulieren“. Ein Anfang, an dem man sich festhalten kann, ist eben mehr wert als das perfekte Angebot, das nur im Kopf existiert.

Wenn du beim Schreiben deiner Angebote merkst, dass dir weniger die Worte fehlen als die Antwort auf „für wen eigentlich“: Der Nischen-Kompass führt dich durch die zehn Fragen, an denen sich das klärt. Kostenlos.


Die Sortierfrage: Wo reichen 80 %?

Statt deinen Perfektionismus pauschal abzulegen, kannst du ihn sortieren, und dafür reicht eine einzige Frage. Nimm die Aufgabe, an der du gerade feilst, und frag dich: Merkt meine Klientin den Unterschied zwischen 80 und 100 %? Wenn nein: 80 %, raus damit, Rückmeldung holen. Wenn ja: 100 %.

Ich habe mir diese Frage zuletzt bei den Bildern für meine Blogartikel gestellt. Für ein einziges Bild habe ich mindestens eine halbe Stunde gesucht, meistens eher eine bis anderthalb, habe mich durch mehrere Plattformen geklickt und Kandidaten ausprobiert, als ginge es um die Titelseite eines Magazins – und das bei jedem Artikel. Dann kam die Frage: Entscheidet sich deshalb eine Kundin für oder gegen mich? Ehrlich gesagt nein. Die Inhalte sind wichtiger als die Verpackung.

Heute gibt es ein Foto nur noch, wenn ich schnell eins finde oder eine Idee habe, und sonst eine Textgrafik in der Farbe des jeweiligen Themenbereichs. Ob sich die Klickzahlen dadurch verändert haben, kann ich nicht sagen; gesagt hat jedenfalls niemand etwas. Gewonnen habe ich Zeit für die Dinge, die wirklich zählen.

80 % heißt dabei nicht ohne Plan. Die Verpackung ist mir nicht egal, deshalb habe ich das Konzept für die Textgrafiken zweimal überarbeitet, bis es flexibel war, alles trägt und sich einfach anwenden lässt. 80 % heißt: mit Plan losgehen und unterwegs nachschärfen.

Für dich könnte die Sortierung ungefähr so aussehen:

  • Meist 80 %: Über-mich-Text, Flyer, Newsletter, das Bild zum Blogartikel.
  • Immer 100 %: Anamnese, Sitzungsvorbereitung, die Antwort auf Rückfragen deiner Klientinnen.

Bleibt die ehrliche Einschränkung, die auch Kritiker des Pareto-Prinzips nennen: Es gibt Aufgaben, für die 80 % nicht reichen. Für die habe ich seit dem Fallrohr eine zweite Faustregel – alles, was sich später nicht oder nur sehr schwer ändern lässt, bekommt 100 %. So halte ich es auch bei einem Kunden, für den ich seit über zwanzig Jahren arbeite und mit dem wir gerade die vierte Website bauen: Das Konzept haben wir mehrfach hinterfragt, manche Teile drei-, viermal neu gedacht und im Kleinen ausprobiert, bevor wir darauf aufgebaut haben. Das hat Zeit gekostet und spart auf Dauer deutlich mehr.

Ein Bild tausche ich in fünf Minuten aus. Ein Fallrohr nicht.


Leicht gefragt, schwer beantwortet

Die Sortierfrage ist schnell gestellt. Sie für das eigene Business ehrlich zu beantworten, ist dagegen schwer – gerade für Perfektionistinnen, weil sich die eigenen Lieblingsbaustellen immer unverzichtbar anfühlen. Von innen sieht man den Unterschied zwischen Sorgfalt und Feilen kaum, von außen oft auf den ersten Blick. Die Methode zu kennen ist leicht; das eigene Business darin zu sehen, ist der eigentlich schwere Teil.

Wenn du erst einmal klären willst, für wen du überhaupt schreibst, ist der Nischen-Kompass ein guter Anfang. Und wenn du lieber mit jemandem draufschauen willst, der nicht so nah dran ist und mit dir sortiert, was bei dir auf 80 % darf und was nicht: Genau dafür gibt es meine Beratung.


Manchmal sieht man den eigenen blinden Fleck erst, wenn jemand mitschaut.

Wenn du bei deiner Positionierung feststeckst, schauen wir sie uns gemeinsam an: deine Situation, deine Zielgruppe, dein Angebot. Ein Strategiegespräch, keine Schablone.

→ Schreib mir, woran es gerade hängt


Key Takeaways

Perfektionismus musst du nicht ablegen, sondern sortieren. In der Arbeit mit Klientinnen sind 100 % Sorgfalt angebracht, bei Website, Texten und Marketing bringen dich 80 % schneller weiter.

Mehr Feilen bringt nicht gleichmäßig mehr Wachstum. Entwicklung passiert in Sprüngen – oft erst nach einem Neuansatz, nicht nach der fünften Optimierung.

Eine Frage reicht zum Sortieren: Merkt meine Klientin den Unterschied? Und was sich später kaum ändern lässt, bekommt 100 %.


Immer weiter.

Unterschrift Christiane Mohr

PS: Die Abkofferung an der Decke war übrigens das einzige Zugeständnis an das erste Fallrohr – und deutlich hübscher als ein Rohr mitten im Bad. Manchmal sind 100 % also gar nicht teuer, sondern nur eine Frage, die man rechtzeitig stellt. Nimm dir heute eine einzige Aufgabe vor und stell ihr die Sortierfrage.


FAQ

Ist Perfektionismus als Coachin nicht eigentlich eine Stärke?

In der Arbeit mit Klientinnen ja: Gründliche Vorbereitung, genaues Zuhören und Verlässlichkeit sind Sorgfalt, und die gehört auf 100 %. Problematisch wird es, wenn derselbe Maßstab unbemerkt auf Website, Texte und Marketing übertragen wird. Auch die Forschung trennt hohe Ansprüche, die normal sind und sogar helfen können, von der Sorge vor Fehlern und Bewertung, die bremst.

Woher weiß ich, wann etwas gut genug ist?

Frag dich, ob deine Klientin den Unterschied zwischen 80 und 100 % merken würde. Wenn nicht, ist es gut genug – veröffentliche es und hol dir Rückmeldung. Eine zweite Faustregel: Was sich später nur schwer ändern lässt, etwa ein Konzept, auf dem alles aufbaut, verdient 100 %. Was du in fünf Minuten austauschen kannst, nicht.

Stimmt die 80/20-Regel überhaupt?

Als grobe Leitlinie ja, als Gesetz nein. Vilfredo Pareto hat 1906 nur die Bodenverteilung in Italien beschrieben. Zur allgemeinen Regel wurde sie erst durch Joseph Juran, der 1974 selbst einräumte, dass Pareto sie nie verallgemeinert hatte. Nützlich bleibt sie trotzdem: als Erinnerung, dass ein kleiner Teil des Aufwands meist den größten Teil des Ergebnisses bringt.

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