Spielst du nach den Regeln anderer? Was eine Bikepacking-Rekordfahrt über Positionierung lehrt
Kurze Antwort vorab: Authentische Positionierung als Coach bedeutet nicht, anders zu sein um des Andersseins willen – es bedeutet zu erkennen, wo du nach Regeln spielst, die jemand anderes aufgestellt hat, und zu entscheiden, ob das wirklich dein Weg ist. Meistens ist es das nicht.
Das Rennen, bei dem die Regeln nicht für sie gemacht waren
Lael Wilcox sitzt in einer Hütte. Draußen regnet es. Sie ist erschöpft vom Tag, und eigentlich wünscht sie sich nur, dass ihre Freundin bei ihr ist.
Lael fährt gerade eines der härtesten Bikepacking-Rennen der Welt. Sie hat ein Filmteam dabei – eine Dokumentation über das Rennen, die Landschaft, ihre Geschichte. Die Chancen stehen gut, dass sie gewinnt. Als Frau unter Männern in einem Rennen, das nicht für sie gemacht wurde.
Zu Beginn hatte sie einer Regel zugestimmt: Ihre Freundin durfte als Teil des Vorausteams mitfahren, aber nur mit 20 Meilen Abstand – damit Lael keinen „unfairen moralischen Vorteil“ durch ihre Anwesenheit hätte.
Das klingt fair. Sie hatte zugestimmt.
Und dann fingen die anderen Fahrer an zu behaupten, sie dürfe nicht einmal mit ihrer Freundin telefonieren. Das sei ungerecht.
Dieselben Männer, die jeden Abend zu Hause anriefen. Mit ihren Frauen und Kindern sprachen.
Lael sitzt in dieser Hütte, schaut auf den Regen – und trifft eine Entscheidung.
Sie steigt aus dem Rennen aus. Verbringt die Nacht mit ihrer Freundin. Und am nächsten Morgen steigt sie wieder aufs Rad und fährt weiter. Nicht für das Rennen. Für die Dokumentation. Für ihre Liebe zum Fahren.
In der Doku sagt sie: „Es geht mir nicht ums Rennen. Es geht um meine Liebe zum Radfahren.“
Sie hat nicht aufgehört. Sie hat einfach die Regeln geändert. Sie hat ihre eigenen Regeln gemacht.
Und jedes Mal, wenn ich an diese Geschichte denke, frage ich mich: Wo spielen wir nach Regeln, die jemand anderes aufgestellt hat – und merken es nicht mal?
Wo Coaches unbemerkt nach fremden Regeln spielen
Niemand setzt sich hin und denkt: „Ich übernehme jetzt die Spielregeln einer anderen Person für mein Business.“ Es passiert leise. Schritt für Schritt. Meistens, weil man irgendwo gelesen oder gehört hat, „wie man das macht“.
Der Content-Takt, der dich erschöpft. „Dreimal pro Woche auf Instagram, täglich auf LinkedIn, Reels mindestens zweimal – sonst bestraft dich der Algorithmus.“ Wenn du gerade innerlich nickst und gleichzeitig weißt, dass du das nicht durchhältst, dann spielst du nach einer Regel, die nicht für dich gilt. Nicht jede Coachin braucht Social-Media-Omnipräsenz. Manche bauen ihr Business über Empfehlungen auf, über Blogartikel, über eine kleine, loyale E-Mail-Liste. Das ist kein Scheitern – das ist ein anderes Rennen.
Die Angebotsleiter, die als einziger Weg gilt. 1:1 → Gruppencoaching → Mastermind → Online-Kurs. Dieser Weg wird so oft als „die natürliche Entwicklung“ beschrieben, dass er wie ein Naturgesetz klingt. Ist er nicht. Eine Heilpraktikerin, die in kleinen Gruppen von vier Personen außergewöhnliche Tiefe erreicht, braucht kein 200-Personen-Mastermind, um ein „echtes“ Business zu haben. Die Frage ist nicht, welche Stufe du als nächstes erklimmst – sondern welches Format zu deiner Arbeit passt.
Der Expertenstatus, der sich in Zertifikaten misst. „Noch ein Lehrgang, dann bin ich wirklich qualifiziert.“ Dieser Gedanke kostet mehr als Geld und Zeit – er verschiebt den Moment, in dem du anfängst, dich als das zu zeigen, was du bereits bist. Zwanzig Jahre Berufserfahrung in einem Fachgebiet, bevor du die Coaching-Ausbildung gemacht hast, sind kein Vorläufer deiner Qualifikation. Sie sind ein zentraler Teil davon. Wer immer noch auf das nächste Zertifikat wartet, bevor er seine Preise erhöht oder sich klar positioniert, spielt nach Regeln, die andere aufgestellt haben.
Die Regeln, die niemand aufgeschrieben hat
Schau noch mal genau hin, was Lael eigentlich gestoppt hat.
Nicht das Reglement. Die zwanzig Meilen Abstand standen geschrieben, galten für alle, und sie hatte zugestimmt.
Was sie ausbremste, war eine Regel, die es nicht gab. Kein Telefonat mit der Freundin – behauptet von Mitfahrern, nirgends notiert, von niemandem beschlossen. Aufgestellt von Männern, die abends selbst zu Hause anriefen.
Das ist der Punkt, den fast alle übersehen: Die Regeln, die dich wirklich aufhalten, stehen nirgends. Sie werden behauptet.
Du findest sie nicht in deiner Berufsordnung und in keinem Gesetz. Du findest sie in Kommentarspalten, in Gruppen, in Webinaren, in Sätzen wie „das funktioniert heute nicht mehr“ und „damit brauchst du gar nicht erst anzufangen“. Niemand hat je darüber abgestimmt. Sie sind trotzdem da.
Und hier kippt das Ganze: Wer eine solche Regel aufstellt, hat meistens etwas davon.
Das muss keine böse Absicht sein. Menschen halten für allgemeingültig, was bei ihnen funktioniert hat. Die Kollegin, die dir erklärt, dass man täglich posten muss, postet täglich gern. Wer dir sagt, dir fehle noch eine Ausbildung, bildet manchmal selbst aus. Und wie im Rennen gilt die Regel oft nicht für den, der sie aufstellt.
Es lohnt sich also, bei jedem „das macht man so“ kurz zurückzufragen: Wer sagt das – und wofür ist das die richtige Antwort?
Meistens für ein anderes Business als deins.
Deine eigenen Regeln erkennen – eine Frage statt einer Übung
Ich gebe dir jetzt keine Übung, kein Worksheet und keine Liste mit fünf Schritten.
Ich stelle dir heute nur eine einzige Frage:
Wo in deinem Business tust du gerade etwas, weil „man das so macht“ – und nicht, weil es sich für dich richtig anfühlt?
Nicht falsch im Sinne von ethisch fragwürdig. Falsch im Sinne von: Das bin eigentlich nicht ich. Das ist nicht das Rennen, das ich fahren wollte.
Lael hat nicht aufgehört zu fahren und den Rückzug angetreten. Sie hat das Rennen verlassen und ist trotzdem weitergefahren. Den nächsten Tag. Auf ihrer eigenen Strecke. Mit ihren eigenen Regeln.
Für ihre authentische Positionierung – in diesem Fall als Radsportlerin – brauchte sie keine neue Methode. Nur Klarheit darüber, warum sie überhaupt fährt.
Davon können wir uns etwas abschauen – denn genau das reicht meistens.
Wenn du beim Lesen gerade gemerkt hast, dass du dich irgendwo wiedererkennst – dann ist das genau dein Startpunkt. Dafür habe ich eine kurze Checkliste entwickelt. 10 Fragen, die dich durch den Prozess führen und dir helfen, deinen Nischen-Sweet-Spot zu finden. Kein überwältigender Kurs. Einfach ein strukturierter Denkanstoß, der dich vom Kreisdrehen in die Klarheit bringt.
Key Takeaways
Fremde Regeln erkennst du daran, dass sie dich erschöpfen. Nicht jede Erschöpfung ist Faulheit – manche ist das Signal, dass du im falschen Rennen fährst.
Authentische Positionierung ist kein Stil, sondern eine Entscheidung. Für welche Klientinnen, mit welchem Format, auf welchem Weg.
Aussteigen aus dem Rennen heißt nicht aufhören. Lael ist am nächsten Tag weitergefahren. Auf ihrer Strecke.
Immer weiter.

PS: Das Rennen ist klar – die Strecke noch nicht? Falls du noch nicht genau weißt, für wen du eigentlich fährst: Der Nischen-Kompass hilft dir, genau das zu klären. Kostenlos.
PPS: Wenn du dir Laels Story anschauen willst, findest du die Doku hier.
FAQ
Was bedeutet authentische Positionierung als Coach?
Authentische Positionierung als Coach bedeutet, die eigene Nische, den eigenen Stil und das eigene Angebotsformat so zu wählen, dass sie zu dir passen – nicht zu dem, was gerade als „der richtige Weg“ gilt. Das schließt ein, wie du Kunden gewinnst, welche Formate du anbietest und wie du deinen Expertenstatus kommunizierst. Fremde Regeln führen zu einer Positionierung, die sich erschöpfend anfühlt. Die eigene führt zu Klarheit.
Wie erkenne ich, ob ich nach fremden Regeln spiele?
Das Zeichen ist meistens Erschöpfung ohne Ergebnis: Du tust viel, aber es fühlt sich nicht wie dein Weg an. Konkrete Anhaltspunkte: Du postest auf Plattformen, die dir gar nicht liegen, weil „man das eben macht.“ Du bietest Formate an, die nicht zu deiner Arbeitsweise passen. Du wartest auf das nächste Zertifikat, bevor du dich wirklich zeigst. Wenn du innerlich weißt, dass etwas nicht stimmt – stimmt meistens etwas nicht.
Muss ich alles anders machen als andere?
Nein. Das wäre wieder eine Regel von außen – nur mit umgekehrtem Vorzeichen. Es geht nicht darum, automatisch das Gegenteil zu tun. Es geht darum, bei jedem Element deines Business zu fragen: Passt das zu mir, zu meinen Klientinnen, zu meiner Art zu arbeiten? Manchmal ist die Antwort „ja, das macht Sinn für mich.“ Dann ist es deine Regel – auch wenn andere sie auch befolgen.
